Übergewicht bei Kindern

Prof. Manfred Gahr, medizinischer Vorstand des Vereins Dresdner Kinderhilfe

Prof. Manfred Gahr, medizinischer
Vorstand des Vereins Dresdner Kinderhilfe

Übergewicht oder Adipositas – zu Deutsch: Fettsucht – ist heute ein Massenphänomen. Die WHO spricht von einer globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts. In Deutschland ist inzwischen jeder dritte Jugendliche und jedes fünfte Kind übergewichtig. Starkes Übergewicht ist ein ernstes Risiko für Gesundheit, Psyche und Lebenserwartung.

Das Krankheitsspektrum der Pädiatrie hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert; in den ersten Jahren des vorigen Jahrhunderts standen Infektionskrankheiten wie Masern, Diphtherie oder Kinderlähmung im Vordergrund. Heute treten die so genannten Wohlstandskrankheiten an ihre Stelle.

Ein typisches Beispiel dafür ist das Übergewicht, das inzwischen einen großen Krankheitswert bekommen hat und somit auch den chronischen Erkrankungen zuzurechnen ist. Man muss davon ausgehen, dass es in Deutschland zwei Millionen zu dicke Kinder gibt, das sind 20 Prozent aller Menschen zwischen einem und 18 Jahren. Das Problem dabei: Dick zu sein wird nicht als Krankheit angesehen. Daher erkennen Kinder, Jugendliche und ihre Eltern nicht, dass hier etwas geändert werden muss. Es wird vergessen oder verdrängt, dass Adipositas im Kindesalter den Grundstein für viele Erkrankungen in späteren Jahren legt: für das erhöhte Herzinfarktrisiko, für Schlaganfälle, verminderte Fruchtbarkeit, psychische und orthopädische Probleme. Diese Komplikationen treten oft erst im Erwachsenenalter auf, was die Wahrnehmung von Übergewicht als gesundheitlich ernst zu nehmendes Problem in der Kindheit erschwert.

Schon in jungen Jahren tritt dagegen bei Übergewichtigen Diabetes Typ II auf. Kinder haben in der Regel Diabetes Typ I, mit anderen Ursachen. Weitere negative Begleiterscheinungen von Übergewicht sind schlechtere Chancen bei der Wahl eines Partners oder bei der Suche nach einem Beruf.

Die Ursachen für die zunehmende Adipositas sind weltweit noch nicht geklärt. Einem Überangebot an Nahrungsmitteln steht ein geringerer Verbrauch wegen körperlicher Inaktivität gegenüber, Kalorien werden als Körperfett gespeichert. Natürlich gibt es die individuelle Empfindlichkeit, eine Adipositas zu entwickeln, sodass man auch von genetischen Einflüssen ausgehen muss. Hinzu kommt, dass die Industrie aus einem eindeutigen Gewinnstreben heraus besonders energiedichte Lebensmittel herstellt, z. B. Süßigkeiten, Softdrinks, Fastfood, Halb- und Fertigprodukte. Adipositas ist per se nicht erblich, allerdings ist bekannt, dass Kinder übergewichtiger Eltern häufig ebenfalls übergewichtig sind. Dies kann bedeuten, dass die Erbirregulation von Bewegungs- und Essverhalten eine Rolle spielt. Liegt eine gewisse Disposition zur Adipositas vor, wird das Problem noch durch so genannte „feindliche“ Umweltbedingungen verstärkt: viel zu wenig Sport in der Schule, leichter Zugang zu süßen Getränken und Fertigsüßspeisen und Computerspielen.

Wird endlich wahrgenommen, dass ein Kind zu dick geworden ist, entsteht im besten Falle der Wunsch, von einem Arzt gut beraten zu werden, um nicht mehr adipös zu sein. Fast alle bisherigen Versuche mit Kuren sind erfolglos geblieben. Daher geht man davon aus, dass eine komplexe Umstellung des Verhaltens in der Familie notwendig ist. Programme, die sowohl das Verhalten der Familie ändern – Kochsitten, tägliche Bewegung – und die Motivation stärken, sind äußert aufwendig und teuer, scheinen aber noch die beste Möglichkeit zu sein, die Adipositas zu reduzieren.

Der Prozentsatz primär gesunder Kinder, die eine Adipositas entwickeln, ist in den letzten zehn Jahren stetig gestiegen. Wenn man diesen Trend nicht stoppen kann, so kommen, abgesehen von dem persönlichen Leid der Betroffenen, auf das gesamte Gesundheitssystem extreme Kosten zu, allein durch die deutliche Zunahme von Diabetesfällen Typ II.

Übergewicht ist mittlerweile eine chronische Erkrankung, die einer multiprofessionellen Behandlung bedarf – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

 

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